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Bin ich normal?


Diese Frage beschäftigt viele KlientInnen, wenn sie in Psychotherapie gehen. Leider ist die Psychotherapie noch nicht so selbstverständlich, wie ein Arztbesuch bei einer Grippe oder die  Physiotherapie bei Gelenksproblemen. Für viele Menschen heißt in Psychotherapie zu gehen immer noch, dass etwas mit einem nicht stimmt und man eben nicht „normal“ ist.

Oft erschwert aber gerade dieses Vorurteil den Weg in die Psychotherapie, wenn sie  am Notwendigsten wäre, weil der Leidensdruck schon sehr groß ist. Leider hat die dunkle Vergangenheit von Psychotherapie, Psychologie und Psychiatrie mitgeholfen, eben diese Vorurteile und Ängste zu schüren. Seit den 60er Jahren haben sich diese drei Berufsgruppen grundlegend verändert. Das ist aber nur wenig in die Gesellschaft getragen worden. Auch in den Medien gibt es erst in den letzten 15 Jahren realistischere Darstellungen davon, wie eine Psychotherapie abläuft.

Wir Menschen sind soziale Wesen. Es ist wichtig für uns, dass wir uns als Teil einer Gemeinschaft fühlen können. Wenn wir uns nicht in einer Gemeinschaft aus sozialen Kontakten (Familie, Partner, Freunde, Arbeitskollegen, usw. ) aufgehoben fühlen, macht das psychisch und physisch krank.

Leider hat aber unsere Gesellschaft Schwierigkeiten damit, auch Menschen mit psychischen Problemen in ihrer Mitte willkommen zu heißen und zu integrieren. Sie verlangt Anpassung von uns und  „normal“ zu sein. Wer nicht „normal“ ist, fürchtet nicht mehr dazuzugehören. Aus diesem Grund, ist es für viele Menschen besonders wichtig „normal“ zu wirken, gerade wenn sie sich nicht „normal“ fühlen.

Was ist aber normal? Diese Frage lässt sich so gut wie gar nicht beantworten. Ist es normal, bei sommerlichen Temperaturen lange Ärmel zu tragen? Ist es normal, sich die Haare grün zu färben? Ist ein Lippenpiercing normal? Schon bei solchen Äußerlichkeiten scheiden sich die Geister. Umso schwieriger ist es, einem Verhalten oder gar der Persönlichkeit eines Menschen als normal zu bezeichnen.

In der von mir angewandten Psychotherapieschule, der systemischen Familientherapie, ist eine philosophische Theorie  besonders zentral: der Konstruktivismus. Vereinfacht gesagt, geht der Konstruktivismus davon aus, dass wir unsere Wirklichkeit durch unsere Wahrnehmung erzeugen. Das bedeutet, jeder von uns hat eine eigene Wirklichkeit. Während für mich ein Song nur irgendein Song ist, den ich aus dem Radio kenne, ist er für eine andere Person vielleicht der Song zu dem sie auf ihrer Hochzeit getanzt hat und somit mit vielen Erinnerungen und Emotionen verbunden.

Aber unsere Wirklichkeiten sind nicht nur durch uns selbst, sondern durch unseren sozialen Kontext erzeugt. So können die Person mit dem Hochzeitssong und ich, uns einigen in welcher Sprache er gesungen wird, welche Instrumente zu hören sind, welches Tempo der Song hat. Wir sind uns wahrscheinlich auch einig darüber, von welcher Band er ist, welchem Genre er zuzuordnen ist und Vieles mehr. Trotzdem ist die Bedeutung für uns immer noch unterschiedlich.

Diese soziale Übereinstimmung gibt es bei vielen Begriffen, die wir leicht definieren können. Wir können uns alle auf ein Tier namens Katze einigen, das durch bestimmte Merkmale erkannt wird. Wir können uns darauf einigen, dass die Hauptstadt von Österreich Wien ist. Wenn wir aber an eine Katze oder Wien denken, hat jeder für diese Worte andere Bedeutungen, die durch Erinnerungen und Emotionen bestimmt werden.

Damit ist aber noch gar nicht betrachtet, wie es bei komplizierteren, abstrakteren Begriffen aussieht. Beim Versuch Begriffe, wie Glück, Liebe, Freude, Hoffnung zu definieren, versagen uns oft die Worte, obwohl jeder eine Vorstellung davon hat, was diese Dinge für sie oder ihn bedeuten. Das Gleiche gilt auch für den Begriff „Normal“.

Damit psychische Krankheiten diagnostiziert, eingeordnet und behandelt werden können, hat sich die World Health Organization auf Symptome geeinigt. Wenn diese Symptome in bestimmten Kombinationen vorhanden sind, werden sie als „psychische Störung“ bezeichnet.  Zentral ist aber, dass bei den meisten von ihnen Leidensdruck der Betroffenen vorhanden sein muss. Geachtet wird also auf Symptome und nicht auf Persönlichkeitsmerkmale!

Die Frage „Bin ich normal?“ ist nicht zielführend oder hilfreich. Besser wäre es zu fragen: „Fühle ich mich schon länger unwohl?“, „Gibt es in meinem Leben Dinge, die mich einschränken oder davon abhalten meine Ziele zu erreichen?“, „Will ich an meinem aktuellen psychischen Befinden etwas ändern?“. Wenn Sie diese Fragen mit „Ja“ beantworten, wäre es ratsam ein Beratungsgespräch mit einer PsychotherapeutIn zu führen, um herauszufinden, ob Psychotherapie für Sie hilfreich sein könnte.

Ich kann nicht beantworten, ob eine Person normal ist. Ich traue mich nicht einmal zu beantworten, was normal bedeutet, weil die Antwort sehr unspezifisch und subjektiv wäre. Ich weiß aber, was nicht normal sein sollte: Dass Menschen sich schämen bei psychischen Problemen Hilfe zu suchen, wenn sie sie bräuchten, aus Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung!